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Lonnig


Lonnig war schon ein ganz besonderer Ort und das lag nicht nur an den vielen Pferdekoppeln mit Häusern dran, sondern vor allem am herrschenden Lockdown. Am Anfang wunderten sich die Leute noch, dass ich überhaupt vor der Tür stehe, manche überlegten ob sie mich reinlassen können, andere freuten sich, dass mal wieder jemand vorbeikam. Ein über 80-jähriger Mann der noch alles im Haus selber machte, freute sich besonders über Besuch und ich ließ mich auf ein langes Gespräch ein. Er erzählte mir von seinen Sorgen mit seiner Familie. Alle wohnen weit weg und lassen sich kaum noch sehen. Eigentlich würden sie nur darauf warten, sein Haus verkaufen zu können und sein Geld verteilen zu können. Er erzählte mir von seinem undankbaren Sohn, dem er so viel geschenkt hätte und niemals Dankbarkeit erhielt. Die Tochter ruft ja wenigstens einmal in der Woche an, aber kommen würde keiner mehr, die Enkel schon gleich gar nicht. Wenn man so von Tochter und Sohn hört und sich dann bewusstmacht, dass die selbst schon Großeltern sind, relativiert sich die ganze Sache. Wer will mit Mitte 60 noch an die Geschenke zu seiner Hochzeit erinnert werden? Ich musste noch lange über die Erzählungen nachdenken und versuchte die Gedanken dazu in mein eigenes Leben zu adaptieren, denn ähnliche Verhältnisse wurden mir in der folgenden Zeit, in der weitläufigen Familie vor Augen geführt.


Überhaupt hatte ich die schönsten Gespräche mit 3 älteren Herren, die alle ihren verstorbenen Frauen nachweinten und mir stolz ihre gut erhaltenen Häuser zeigten. Es beeindruckt mich schon immer sehr, wenn Männer von ihren Frauen schwärmen, dann merke ich was mir fehlt. Dann fange ich aber auch an, darüber nachzudenken, ob die Frauen das auch


so empfunden haben oder ob ihnen ihre Männer vielleicht auch oft auf den Nerv gingen? Alleinstehende alte Frauen treffe ich viel häufiger, aber sie erzählen nur ganz selten von ihrer großen Liebe. Allerdings hat mir eine ältere Dame, voller Stolz, ihr Haus gezeigt. Für sie war es der Lebensinhalt es so zu erhalten und mit ihren Dekorationskünsten zu verschönern. In Lonnig gefielen mir mehr Häuser als gewöhnlich und ich sah wirklich ganz besondere Innenarchitektur. Es waren nicht nur die neuen Prachtbauten mit ihren Toren, Alleen und Auffahrten toll, es waren auch die alten, gut erhaltenen Bauernhäuser, die sich ihren Innenhöfen mit Blumenpracht schmückten. Wie oft sehe ich mancherorts verkommene alte Häuser oder einen vernachlässigten Dorfkern. Lonnig dagegen erfreute mich mit seinem eigenen Charme. Na gut, Ausnahmen bestätigen die Regel, mir fällt gerade die alte Dame ein, die sich bei mir ausheulte, weil das Gasthaus, in dem sie früher wohnte, verfällt.





Als ich den Weg zu dem Anwesen auf dem rechten Bild lief, ärgerte ich mich, dass ich nicht das Auto genommen hatte. Allerdings wäre mir im Auto bestimmt nicht aufgefallen, dass es sich bei dieser Allee um Eichen handelte. Solche Eichenbäume hatte ich noch nie gesehen und ich war ehrlich begeistert. Im Haus traf ich nicht auf Besitzer, sondern auf den Gärtner und als ich ihn auf die Bäume ansprach, war er voller Stolz. Jetzt wo ich das aufschreibe, muss ich stark lächeln, so sehr schwingt seine Freude nach. Ich finde, dass hat er sich verdient.


Die Pfarrkirche St. Jakobus und die dazugehörige Kapelle sind einen Ausflug wert. Ein großes Schild lädt dazu ein, die Bau- und Kunstgeschichte zu studieren und auch im Internet findet man viel über das ehemalige Kloster. Mit einem Augenzwinkern muss ich aber gestehen, dass mir die Toilette auf dem Friedhofsgelände am besten gefiel. Und wenn ich schon bei alter Geschichte bin, die Römer haben auch in Lonnig ihre Spuren hinterlassen, am Spielplatz wird davon erzählt.


Auch im Ort findet man Kapellen.



Wenn ich an die Kapellen denke, dann bin ich wieder bei Corona, denn hier lernte ich eine Frau kennen, die mir erzählte, dass sie von 2 jungen Leuten wüsste, die an Covid 19 gestorben wären. Ich konnte es kaum glauben und wie es der Zufall will, sah ich am Abend im Internet ein Video von einem verzweifelten Pfleger, der davon erzählte, dass den Leuten Geld angeboten wird, damit sie erzählen, sie kennen junge Menschen die an Corona gestorben sind. Verschwörungstheorie? Was für eine verrückte Welt! Was wird der 5-jährige Junge wohl vom Lockdown zurückbehalten, der sich bei mir bedankte, als ich die Maske anzog, weil ich ihn damit schütze. Ich bekomme Gänsehaut, wenn ich daran denke. Wird er später Angst vor Nähe haben? Eine Familie erlebte ich, da hatten die Masken in der eigenen Wohnung an. Wo wird sie diese Hysterie hinführen?

So lang langsam kann ich diese Regenbögen nicht mehr sehen, wie lange sollen denn die Kinder noch zu Hause bleiben? Was bin ich froh, dass meine Kinder groß sind, wenn ich z. B. an den Vater im Homeoffice denke, der 3 kleine Kinder zu betreuen hatte. Als wir in den Keller gingen fing das kleinste Kind an zu schreien, bis wir wieder oben waren, schrien alle 3. Vorm Kindergarten war diese Steinschlange gelegt, wie man sie jetzt immer öfter sieht. Welche Geschichten könnten die Steine wohl noch erzählen? Mir fällt die Mutter ein, der ich gute Nerven gewünscht habe, denn sie hatte 3 oder 4 Kinder im Garten, die sich nach langer Zeit endlich wiedersehen durften und ihrer Freude besonders lautstark Ausdruck gaben.

Worüber ich mich immer freuen kann, sind die Tiere des Dorfes. Zu den vielen Pferden im Dorf kommen nicht nur Ziegen, Katzen, Hunde, Schweine und was weiß ich noch, sondern auch ein Esel. Den sah ich beim ersten Mal nur halb von Hinten und im ersten Moment konnte ich nicht erkennen, was das war, bis sich ein Schwanz bewegte. Als ich mit dem Besitzer beim Stall war, wunderte er sich, dass der Esel nicht kam, als er nach ihm rief. Grund dafür war, der Esel war in der Sattelkammer und hatte den Futtersack gefunden. Oh, was war der Mann da am Jammern! Wie gut, dass ich den Esel sehen wollte ;-)

Apropos Hunde, in einem Haus wohnten 3 Familien jeweils mit 2 großen Hunden. Hinter der Haustür waren an der Wand für jeden Hund fein säuberlich die Leinen und Halsbänder angebracht. Das sah ein bisschen aus wie Kunst, perfekt gemacht.

Zum Abschluss, wie immer, noch etwas was mir einfach gefiel.



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