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Karnevalszeit in Ochtendung


Karnevalszeit ist nicht die beste Ablesezeit. Am Donnerstag, zur Weiberfastnacht, begegneten mir etliche Frauen auf dem Sprung. Ich überraschte sie beim Duschen, so dass sie nur ein Badehandtuch trugen oder erst das halbe Kostüm anhatten. Trotzdem waren alle gut drauf und zeigten keine Unfreundlichkeit wegen der Störung. Allerdings blieben ab Mittag, dann auch verhältnismäßig viele Türen geschlossen, logisch, die Frauen waren ja on Tour. Und dann öffnete mir ein freundlicher Mann und wunderte sich, wie ich als Frau jetzt unterwegs sein könne. Als wir im Keller vor dem Stromzähler standen, fiel sein Blick auf das Weinregal, dann auf mich und ich konnte seine Gedanken fast hören. Er zögerte auch gar nicht lange und fragte mich, ob er mich auf ein Glas Wein oder auch einen Kaffee einladen dürfte. Ganz ehrlich, ich habe mich gefreut, endlich mal einem spontanen Mann zu begegnen. Im Fernsehen oder bei Datingtipps hat man schon öfter von solchen Möglichkeiten gehört, aber die Wirklichkeit zeigt ja doch meistens etwas Anderes. Ich habe ihm dann aber genau so spontan einen Korb gegeben, mit der Erklärung, dass ich ja auch gleich feiern gehen möchte, aber noch ein bisschen was schaffen muss.

Am Freitag in der Sparkasse dann ein überraschender Anblick. Es standen uniformierte Männer vor der Tür, die mich mit MAJU begrüßten. Mir waren inzwischen schon Plakate mit diesem Wort begegnet, aber ich war mir bis dahin nicht sicher, ob das wirklich das hiesige Synonym für HELAU ist. Nun rief ich es selbst aus. Noch bin ich in Karnevalsbräuchen recht unbeleckt und mir war bis hierhin nicht klar, dass es wohl in vielen Orten dazugehört in der örtlichen Bank und sicherlich gutem Sponsor einzukehren. Drinnen musste ich mir, durch die närrische Gesellschaft, einen Weg bahnen und hatte dabei das Gefühl, eine der Hofdamen zu kennen. Zurück vom Zähler ablesen, fragte mich eine Dame der Sparkasse, ob ich nicht etwas essen möchte. Es standen verschiedene Sorten Pizza oder Pasta zur Auswahl. Ich ließ mich nicht lange bitten und freute mich über ein Stück mit frischen Champignons. Während ich aß, kam die Hofdame auf mich zu und erklärte mir, woher wir uns kannten. Es ist schon manchmal verrückt, wie ungewöhnliche Orte und Kostüme das Hirn vernebeln, denn wir singen zusammen im Chor! Eine kleine Ausrede für den langen Erkennmoment ist vielleicht, sie singt im Alt und ich im Sopran, der Chor singt auch nur 1x im Monat. Wir unterhielten uns noch eine Weile und stießen auf die tollen Tage an. Als ich nach einem Bild fragte, stellten sich das Prinzenpaar, mit seinem Gefolge für mich auf. Ich habe dann mal gefragt, wo denn dieses Maju herkommen würde und sie beantworteten es mir mit einem Zusammenhang im Dialekt, den ich leider schonwieder vergessen habe. Das diesjährige Motto ist übrigens „Erwessopp und Fassenacht, in rot und weiß en wahre Pracht“. Als ich die Sparkasse verließ, dachte ich so, dieses Erlebnis wird wohl so schnell, nicht zu toppen sein und ging satt und glücklich weiter.

Nachtrag: Laut einem Bericht im Radio kommt Maju oft von dem Ausruf Maria und Josef her. Benutzt wurden dann umgangssprachlich nur die ersten Silben der Namen.

Der Samstag zeigte sich dann mal wieder von einer ganz anderen Seite. Ich gehe oft samstags den Strom ablesen, weil mehr Leute anzutreffen sind als gewöhnlich, aber der Karnevalssamstag schien wie der Heilige Abend zu sein. "Waaas heute wollen Sie den Strom ablesen???" Irgendwann konnte ich es nicht mehr hören. Obwohl mir meine Ausrede, mit dem Aufholen der fehlenden Tage, selbst gut gefiel. Es stimmte ja auch, Donnerstag öffnete kaum jemand, Rosenmontag hatte ich selbst etwas vor und Dienstag gibt es einen Karnevalsumzug in Ochtendung, da brauch ich es also gar nicht erst klingeln. Dann klingelte ich an einem besonders "freundlichen Haushalt". Erst musste ich einem Mann lang und breit erklären, was ich bei ihm wollte und als er mich endlich zum Zähler lassen wollte, kam seine Frau. Fast hysterisch gab sie mir das Gefühl, dass ich da war, um einzubrechen. Als sie meinen Ausweis abfotografierte, erklärte ich ihr, dass ich wohl mehr Angst vor ihr haben müsste, als sie vor mir. Dieser Besuch ging mir echt nahe und als ich dann auch noch eine wenig erfreuliche private Nachricht erhielt, hatte ich genug. Ich setzte mich in mein Auto und fuhr nach Hause.

Meine Gedanken kreisten um dieses Ehepaar. Niemand hatte bisher bei ihnen eingebrochen, sie hatten selbst, noch keine schlechten Erfahrungen gemacht, nur gehört hatten sie. Weil sie gehört hatten, sehen sie nun in der ganzen Welt, nur noch Verbrecher umherlaufen. Mir fiel die ältere Dame vom Morgen ein. Sie hörte sehr schlecht, wir schrien uns quasi gegenseitig an. Ich fragte sie, wie sie denn das Klingeln gehört hätte und sie erklärte mir, dass sie einen Verstärker in der Küche hätte. Diese Dame war die Freundlichkeit in Person. Ihre Augen strahlten, als sie mir die Tür öffnete und beim weiteren Erzählen strahlte sie eine Energie aus, die mich noch immer beeindruckt. Wenn ich jetzt diese beiden Frauen miteinander vergleiche, muss ich doch zu dem Schluss kommen, besser nichts hören und liebevoll bleiben, als hören und bösartig werden. Natürlich ist Vorsicht richtig und gut, aber in der Übertreibung liegt schon immer das Verhängnis!

Und dann ist auch schon wieder Aschermittwoch und alles vorbei. Naja, nicht ganz, denn die Reste waren schon noch sichtbar... Nachdem ich das Bild gemacht hatte, sang ich im Stillen immer wieder "Am Aschermittwoch ist alles vorbei..." und "Niemals geht man so ganz, irgendwas von dir bleibt hier..."

Nach dem obligatorischen Heringsessen am Abend sang es nur noch "Niemals geht man so ganz...", denn ich wurde den Zwiebel-Heringsgeschmack bis zum nächsten Morgen nicht mehr los.

#Weiberfastnacht #Karneval #Prinzenpaar #Maju

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